Freytag den 16. Februar 1827

Ich erzählte Goethen, daß ich in diesen Tagen Winckelmanns Schrift über die Nachahmung griechischer Kunstwerke gelesen, wobey ich gestand, daß es mir oft vorgekommen, als sey Winckelmann damals noch nicht völlig klar über seine Gegenstände gewesen.

„Sie haben allerdings Recht, sagte Goethe, man trifft ihn mitunter in einem gewissen Tasten; allein, was das Große ist, sein Tasten weiset immer auf etwas hin; er ist dem Columbus ähnlich, als er die neue Welt zwar noch nicht entdeckt hatte, aber sie doch schon ahndungsvoll im Sinne trug. Man lernt nichts, wenn man ihn lieset, aber man wird etwas.“

Meyer ist nun weiter geschritten und hat die Kenntnis der Kunst auf ihren Gipfel gebracht. Seine Kunstgeschichte ist ein ewiges Werk; allein er wäre das nicht geworden, wenn er sich nicht in der Jugend an Winckelmann hinaufgebildet hätte und auf dessen Wege fortgegangen wäre. Da sieht man abermals, was ein großer Vorgänger thut und was es heißt, wenn man sich diesen gehörig zu Nutze macht.“

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Mittwoch den 7. Februar 1827

Goethe schalt heute auf gewisse Critiker, die nicht mit Lessing zufrieden, und an ihn ungehörige Forderungen machen.

„Wenn man, sagte er, die Stücke von Lessing mit denen der Alten vergleicht und sie schlecht und miserabel findet, was soll man da sagen! – Bedauert doch den außerordentlichen Menschen, daß er in einer so erbärmlichen Zeit leben mußte, die ihm keine besseren Stoffe gab als in seinen Stücken verarbeitet sind! – Bedauert ihn doch, daß er in seiner Minna von Barnhelm an den Händeln der Sachsen und Preußen Theil nehmen mußte, weil er nichts besseres fand! – Auch daß er immerfort polemisch wirkte und wirken mußte, lag in der Schlechtigkeit seiner Zeit. In der Emilie Galott‹ hatte er seine Piquen auf die Fürsten, im Nathan auf die Pfaffen.“

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Donnerstag Abend den 1. Februar 1827

Goethe erzählte mir von einem Besuch des Kronprinzen von Preußen in Begleitung des Großherzogs. „Auch die Prinzen Carl und Wilhelm von Preußen, sagte er, waren diesen Morgen bey mir. Der Kronprinz blieb mit dem Großherzog gegen drey Stunden, und es kam mancherley zur Sprache, welches mir von dem Geist, Geschmack, den Kenntnissen und der Denkweise dieses jungen Fürsten eine hohe Meinung gab.“ Weiterlesen >>>

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Mittwoch den 31. Januar 1827

Bey Goethe zu Tisch. „In diesen Tagen, seit ich Sie nicht gesehen, sagte er, habe ich vieles und mancherley gelesen, besonders auch einen chinesischen Roman, der mich noch beschäftiget und der mir im hohen Grade merkwürdig erscheint.“ Chinesischen Roman? sagte ich. Der muß wohl sehr fremdartig aussehen. „Nicht so sehr, als man glauben sollte, sagte Goethe. Die Menschen denken, handeln und empfinden fast eben so wie wir und man fühlt sich sehr bald als ihres Gleichen, nur daß bey ihnen alles klarer, reinlicher und sittlicher zugeht. Es ist bey ihnen alles verständig, bürgerlich, ohne große Leidenschaft und poetischen Schwung und hat dadurch viele Ähnlichkeit mit meinem Hermann und Dorothea, so wie mit den englischen Romanen des Richardson. Es unterscheidet sich aber wieder dadurch daß bey ihnen die äußere Natur neben den menschlichen Figuren immer mitlebt. Die Goldfische in den Teichen hört man immer plätschern, die Vögel auf den Zweigen singen immerfort, der Tag ist immer heiter und sonnig, die Nacht immer klar; vom Mond ist viel die Rede, allein er verändert die Landschaft nicht, sein Schein ist so helle gedacht wie der Tag selber. Und das Innere der Häuser so nett und zierlich wie ihre Bilder. Z. B. „Ich hörte die lieblichen Mädchen lachen, und als ich sie zu Gesichte bekam, saßen sie auf feinen Rohrstühlen.“ Da haben Sie gleich die allerliebste Situation, denn Rohrstühle kann man sich gar nicht ohne die größte Leichtigkeit und Zierlichkeit denken. Und nun eine Unzahl von Legenden, die immer in der Erzählung nebenher gehen und gleichsam sprichwörtlich angewendet werden. Z. B. von einem Mädchen, das so leicht und zierlich von Füßen war, daß sie auf einer Blume balancieren konnte, ohne die Blume zu knicken. Und von einem jungen Manne, der sich so sittlich und brav hielt, daß er in seinem dreißigsten Jahre die Ehre hatte, mit dem Kaiser zu reden. Und ferner von Liebespaaren, die in einem langen Umgange sich so enthaltsam bewiesen, daß, als sie einst genöthigt waren, eine Nacht in einem Zimmer mit einander zuzubringen, sie in Gesprächen die Stunden durchwachten ohne sich zu berühren. Und so unzählige von Legenden, die alle auf das Sittliche und Schickliche gehen. Aber eben durch diese strenge Mäßigung in allem hat sich denn auch das chinesische Reich seit Jahrtausenden erhalten und wird dadurch ferner bestehen.“ Weiterlesen >>>

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Donnerstag Abend den 29. Januar 1827

Begleitet von dem Manuscript der Novelle und einer Ausgabe des Béranger ging ich gegen sieben Uhr zu Goethe. Ich fand Herrn Soret bey ihm in Gesprächen über die neue französische Literatur. Ich hörte mit Interesse zu und es kam zur Sprache, daß die neuesten Talente hinsichtlich guter Verse sehr viel von Delille gelernt. Da Herrn Soret, als einem geborenen Genfer, das Deutsche nicht ganz geläufig war, Goethe aber im Französischen sich ziemlich bequem ausdrückt, so ging die Unterhaltung französisch und nur an solchen Stellen deutsch, wo ich mich in das Gespräch mischte. Ich zog den Béranger aus der Tasche und überreichte ihn Goethe, der diese trefflichen Lieder von neuem zu lesen wünschte. Das den Gedichten vorstehende Portrait fand Herr Soret nicht ähnlich. Goethe freute sich die zierliche Ausgabe in Händen zu halten. „Diese Lieder, sagte er, sind vollkommen und als das Beste in ihrer Art anzusehen, besonders wenn man sich das Gejodel des Refrains hinzudenkt, denn sonst sind sie als Lieder fast zu ernst, zu geistreich, zu epigrammatisch. Ich werde durch Béranger immer an den Horaz und Hafis erinnert, die beyde auch über ihrer Zeit standen und die Sittenverderbnis spottend und spielend zur Sprache brachten. Béranger hat zu seiner Umgebung dieselbige Stellung. Weil er aber aus niederem Stande heraufgekommen, so ist ihm das Liederliche und Gemeine nicht allzu verhaßt, und er behandelt es noch mit einer gewissen Neigung.“ Weiterlesen >>>

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Sonntag Abend den 21. Januar 1827

Ich ging diesen Abend halb achte zu Goethe und blieb ein Stündchen bey ihm. Er zeigte mir einen Band neuer französischer Gedichte der Demoiselle Gay, und sprach darüber mit großem Lobe. „Die Franzosen, sagte er, machen sich heraus und es ist der Mühe werth, daß man sich nach ihnen umsieht. Ich bin mit Fleiß darüber her, mir von dem Stande der neuesten französischen Literatur einen Begriff zu machen und wenn es glückt mich auch darüber auszusprechen. Es ist mir höchst interessant, zu sehen, daß diejenigen Elemente bey ihnen erst anfangen zu wirken, die bey uns längst durchgegangen sind. Das mittlere Talent ist freylich immer in der Zeit befangen und muß sich aus denjenigen Elementen nähren, die in ihr liegen. Es ist bey ihnen bis auf die neueste Frömmigkeit alles dasselbige wie bey uns, nur daß es bey ihnen ein wenig galanter und geistreicher zum Vorschein kommt.“ Weiterlesen >>>

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Donnerstag Abend den 18. Januar 1827

Auf diesen Abend hatte Goethe mir den Schluß der Novelle versprochen. Ich ging halb sieben Uhr zu ihm und fand ihn in seiner traulichen Arbeitsstube allein. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch und nachdem wir die nächsten Tagesereignisse besprochen hatten, stand Goethe auf und gab mir die erwünschten letzten Bogen. „Da lesen Sie den Schluß“, sagte er. Ich begann. Goethe ging derweile im Zimmer auf und ab und stand abwechselnd am Ofen. Ich las wie gewöhnlich leise für mich. Weiterlesen >>>

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Mittwoch den 17. Januar 1827

In der letzten Zeit, wo Goethe sich mitunter nicht ganz wohl befand, hatten wir in seiner nach dem Garten gehenden Arbeitsstube gesessen. Heute war wieder in dem sogenannten Urbino-Zimmer gedeckt, welches ich als ein gutes Zeichen nahm. Als ich hereintrat, fand ich Goethe und seinen Sohn; beyde bewillkommten mich freundlich in ihrer naiven liebevollen Art; Goethe selbst schien in der heitersten Stimmung, wie dieses an seinem höchst belebten Gesicht zu bemerken war. Durch die offene Thür des angrenzenden sogenannten Decken-Zimmers sah ich, über einen großen Kupferstich gebogen, den Herrn Canzler von Müller; er trat bald zu uns herein, und ich freute mich, ihn als angenehme Tischgesellschaft zu begrüßen. Frau von Goethe wurde noch erwartet, doch setzten wir uns vorläufig zu Tisch. Es ward mit Bewunderung von dem Kupferstich gesprochen und Goethe erzählte mir, es sey ein Werk des berühmten Gérard in Paris, womit dieser ihm in den letzten Tagen ein Geschenk gemacht. „Gehen Sie geschwind hin, fügte er hinzu, und nehmen Sie noch ein paar Augenvoll, ehe die Suppe kommt.“ Weiterlesen >>>

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Montag Abend den 15. Januar 1827

Nach Vollendung der Helena hatte Goethe sich im vergangenen Sommer zur Fortsetzung der Wanderjahre gewendet. Von dem Vorrücken dieser Arbeit erzählte er mir oft. „Um den vorhandenen Stoff besser zu benutzen, sagte er mir eines Tags, habe ich den ersten Theil ganz aufgelöset und werde nun so durch Vermischung des Alten und Neuen, zwey Theile bilden. Ich lasse nun das Gedruckte ganz abschreiben; die Stellen, wo ich Neues auszuführen habe, sind angemerkt, und wenn der Schreibende an ein solches Zeichen kommt, so dictire ich weiter und bin auf diese Weise genöthigt, die Arbeit nicht in Stocken geraten zu lassen.“ Weiterlesen >>>

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Sonntag Abend den 12. Januar 1827

Ich fand eine musikalische Abendunterhaltung bey Goethe, die ihm von der Familie Eberwein, nebst einigen Mitgliedern des Orchesters gewährt wurde. Unter den wenigen Zuhörern waren: der General-Superintendent Röhr, Hofrat Vogel und einige Damen. Goethe hatte gewünscht, das Quartett eines berühmten jungen Componisten zu hören, welches man zunächst ausführte. Der zwölfjährige Carl Eberwein spielte den Flügel zu Goethe’s großer Zufriedenheit, und in der That trefflich, so daß denn das Quartett in jeder Hinsicht gut executiert vorüberging. Weiterlesen >>>

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Donnerstag Abend den 4. Januar 1827

Goethe lobte sehr die Gedichte von Victor Hugo. „Er ist ein entschiedenes Talent, sagte er, auf den die deutsche Literatur Einfluß gehabt. Seine poetische Jugend ist ihm leider durch die Pedanterie der classischen Partey verkümmert; doch jetzt hat er den Globe auf seiner Seite und so hat er gewonnen Spiel. Ich möchte ihn mit Manzoni vergleichen. Er hat viel Objectives und erscheint mir vollkommen so bedeutend als die Herren De Lamartine und Delavigne. Wenn ich ihn recht betrachte, so sehe ich wohl, wo er und andere frische Talente seines Gleichen herkommen. Von Chateaubriand kommen sie her, der freylich ein sehr bedeutendes rhetorisch-poetisches Talent ist. Damit Sie nun aber sehen, in welcher Art Victor Hugo schreibt, so lesen Sie nur dieß Gedicht über Napoleon: Les deux isles.“ Weiterlesen >>>

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Mittwoch den 3. Januar 1827

Heute bey Tisch sprachen wir über Cannings treffliche Rede für Portugal.

„Es giebt Leute, sagte Goethe, die diese Rede grob nennen; aber diese Leute wissen nicht, was sie wollen, es liegt in ihnen eine Sucht, alles Große zu frondiren. Es ist keine Opposition, sondern eine bloße Frondation. Sie müssen etwas Großes haben, das sie hassen können. Als Napoleon noch in der Welt war, haßten sie den, und sie hatten an ihm eine gute Ableitung. Sodann als es mit diesem aus war, frondierten sie die heilige Allianz, und doch ist nie etwas Größeres und für die Menschheit Wohltätigeres erfunden worden. Jetzt kommt die Reihe an Canning. Seine Rede für Portugal ist das Produkt eines großen Bewußtseyns. Er fühlt sehr gut den Umfang seiner Gewalt und die Größe seiner Stellung und er hat Recht, daß er spricht, wie er sich empfindet. Aber das können diese Sanscülotten nicht begreifen und was uns andern groß erscheint, erscheint ihnen grob. Das Große ist ihnen unbequem, sie haben keine Ader es zu verehren, sie können es nicht dulden.“

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Mittwoch den 27. December 1826

Dem Phänomen des blauen und gelben Schattens hatte ich nun zu Hause fleißig nachgedacht, und wiewohl es mir lange ein Rätsel blieb, so ging mir doch bei fortgesetztem Beobachten ein Licht auf und ich ward nach und nach überzeugt, das Phänomen begriffen zu haben. Weiterlesen >>>

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Mittwoch den 20. December 1826

Ich erzählte Goethen nach Tisch, daß ich eine Entdeckung gemacht, die mir viele Freude gewähre. Ich hätte nämlich an einer brennenden Wachskerze bemerkt, daß der durchsichtige untere Theil der Flamme dasselbe Phänomen zeige, als wodurch der blaue Himmel entstehe, indem nämlich die Finsternis durch ein erleuchtetes Trübes gesehen werde. Weiterlesen >>>

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Mittwoch den 13. December 1826

Über Tisch lobten die Frauen ein Porträt eines jungen Malers. Und was bewundernswürdig ist, fügten sie hinzu, er hat alles von selbst gelernt. Dieses merkte man denn auch besonders an den Händen, die nicht richtig und kunstmäßig gezeichnet waren. Weiterlesen >>>

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Montag den 11. December 1826

Ich fand Goethe in einer sehr heiter aufgeregten Stimmung. „Alexander von Humboldt ist diesen Morgen einige Stunden bey mir gewesen, sagte er mir sehr belebt entgegen. Was ist das für ein Mann! – Ich kenne ihn so lange und doch bin ich von neuem über ihn in Erstaunen. Man kann sagen, er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seines Gleichen. Und eine Vielseitigkeit, wie sie mir gleichfalls noch nicht vorgekommen ist! Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Er wird einige Tage hierbleiben, und ich fühle schon, es wird mir seyn, als hätte ich Jahre verlebt.“

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Mittwoch den 29. November 1826

Lord Byrons Deformed Transformed hatte ich nun auch gelesen und sprach mit Goethe darüber nach Tisch.

„Nicht wahr? sagte er, die ersten Scenen sind groß und zwar poetisch groß. Das Übrige, wo es auseinander und zur Belagerung Rom’s geht, will ich nicht als poetisch rühmen, allein man muß gestehen, daß es geistreich ist.“

Im höchsten Grade, sagte ich; aber es ist keine Kunst geistreich zu seyn, wenn man vor nichts Respect hat. Weiterlesen >>>

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Mittwoch den 8. November 1826

Goethe sprach heute abermals mit Bewunderung über Lord Byron. „Ich habe, sagte er, seinen Deformed Transformed wieder gelesen und muß sagen, daß sein Talent mir immer größer vorkommt. Sein Teufel ist aus meinem Mephistopheles hervorgegangen, aber es ist keine Nachahmung, es ist alles durchaus originell und neu, und alles knapp, tüchtig und geistreich. Es ist keine Stelle darin, die schwach wäre, nicht so viel Platz, um den Knopf einer Nadel hinzusetzen, wo man nicht auf Erfindung und Geist träfe. Ihm ist nichts im Wege als das Hypochondrische und Negative, und er wäre so groß wie Shakespeare und die Alten.“ Ich wunderte mich. „Ja, sagte Goethe, Sie können es mir glauben, ich habe ihn von neuem studirt und muß ihm dieß immer mehr zugestehen.“ Weiterlesen >>>

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Mittwoch den 26. July 1826

Diesen Abend hatte ich das Glück, von Goethe manche Äußerung über das Theater zu hören.

Ich erzählte ihm, daß einer meiner Freunde die Absicht habe, Byrons Two Foscari für die Bühne einzurichten. Goethe zweifelte am Gelingen. Weiterlesen >>>

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Donnerstag den 1. Juny 1826

Goethe sprach über den Globe. „Die Mitarbeiter, sagte er, sind Leute von Welt, heiter, klar, kühn bis zum äußersten Grade. In ihrem Tadel sind sie fein und galant, wogegen aber die deutschen Gelehrten immer glauben, daß sie den sogleich hassen müssen, der nicht so denkt wie sie. Ich zähle den Globe zu den interessantesten Zeitschriften und könnte ihn nicht entbehren.“

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