Freytag, den 3. October 1828

Ich sprach diesen Mittag bey Tisch mit Goethe über Fouqué’s Sängerkrieg auf der Wartburg, den ich auf seinen Wunsch gelesen. Wir kamen darin überein, daß dieser Dichter sich zeitlebens mit altdeutschen Studien beschäftiget, und daß am Ende keine Cultur für ihn daraus hervorgegangen.

„Es ist in der altdeutschen düsteren Zeit, sagte Goethe, eben so wenig für uns zu holen, als wir aus den serbischen Liedern und ähnlichen barbarischen Volkspoesien gewonnen haben. Man liest es und interessiert sich wohl eine Zeitlang dafür, aber bloß um es abzuthun und sodann hinter sich liegen zu lassen. Der Mensch wird überhaupt genug durch seine Leidenschaften und Schicksale verdüstert, als daß er nötig hätte, dieses noch durch die Dunkelheiten einer barbarischen Vorzeit zu thun. Er bedarf der Klarheit und der Aufheiterung, und es thut ihm noth, daß er sich zu solchen Kunst- und Literatur-Epochen wende, in denen vorzügliche Menschen zu vollendeter Bildung gelangten, so daß es ihnen selber wohl war, und sie die Seligkeit ihrer Cultur wieder auf Andere auszugießen im Stande sind.

„Wollen Sie aber von Fouqué eine gute Meinung bekommen, so lesen Sie seine Undine, die wirklich allerliebst ist. Freylich war es ein guter Stoff, und man kann nicht einmal sagen, daß der Dichter alles daraus gemacht hätte, was darinne lag; aber doch, die Undine ist gut und wird Ihnen gefallen.“

Es geht mir ungünstig mit der neuesten deutschen Literatur, sagte ich. Zu den Gedichten von Egon Ebert kam ich aus Voltaire, dessen erste Bekanntschaft ich gemacht und zwar durch die kleinen Gedichte an Personen, die gewiß zu dem Besten gehören, was er je geschrieben. Nun mit Fouqué geht es mir nicht besser. Vertieft in Walter Scotts Fair Maid of Perth, gleichfalls das Erste, was ich von diesem großen Schriftsteller lese, bin ich veranlaßt, dieses an die Seite zu legen und mich in den Sängerkrieg auf der Wartburg zu begeben.

„Gegen so große Ausländer, sagte Goethe, können freylich die neueren Deutschen keine Probe halten; aber es ist gut, daß Sie sich nach und nach mit allem In- und Ausländischen bekannt machen, um zu sehen, wo denn eigentlich eine höhere Weltbildung, wie sie der Dichter bedarf, zu holen ist.“

Frau von Goethe trat herein und setzte sich zu uns an den Tisch.

„Aber nicht wahr, fuhr Goethe heiter fort, Walter Scott’s Fair Maid of Perth ist gut! – Das ist gemacht! Das ist eine Hand! – Im Ganzen die sichere Anlage und im Einzelnen kein Strich, der nicht zum Ziele führte. Und welch ein Detail! sowohl im Dialog als in der beschreibenden Darstellung, die beyde gleich vortrefflich sind. – Seine Scenen und Situationen gleichen Gemälden von Teniers; im Ganzen der Anordnung zeigen sie die Höhe der Kunst, die einzelnen Figuren haben eine sprechende Wahrheit und die Ausführung erstreckt sich mit künstlerischer Liebe bis aufs Kleinste, so daß uns kein Strich geschenkt wird. – Bis wie weit haben Sie jetzt gelesen?“

Ich bin bis zu der Stelle gekommen, sagte ich, wo Henri Smith das schöne Zittermädchen durch Straßen und Umwege nach Hause führt, und wo ihm zu seinem Ärger der Mützenmacher Proutfut und der Apotheker Dwining begegnen.

„Ja, sagte Goethe, die Stelle ist gut! – Daß der widerstrebende ehrliche Waffenschmied so weit gebracht wird, neben dem verdächtigen Mädchen zuletzt selbst das Hündchen mit aufzuhocken, ist einer der größten Züge, die irgend in Romanen anzutreffen sind. Es zeugt von einer Kenntnis der menschlichen Natur, der die tiefsten Geheimnisse offenbar liegen.“

Als einen höchst glücklichen Griff, sagte ich, muß ich auch bewundern, daß Walter Scott den Vater der Heldin einen Handschuhmacher seyn läßt, der durch den Handel mit Fellen und Häuten mit den Hochländern seit lange in Verkehr gestanden und noch steht.

„Ja, sagte Goethe, das ist ein Zug der höchsten Art. Es entspringen daraus für das ganze Buch die günstigsten Verhältnisse und Zustände, die dadurch alle zugleich eine reale Basis erhalten, so daß sie die überzeugendste Wahrheit mit sich führen. Überall finden Sie bey Walter Scott die große Sicherheit und Gründlichkeit der Zeichnung, die aus seiner umfassenden Kenntnis der realen Welt hervorgeht, wozu er durch lebenslängliche Studien und Beobachtungen und ein tägliches Durchsprechen der wichtigsten Verhältnisse gelangt ist. Und nun sein großes Talent und sein umfassendes Wesen! – Sie erinnern sich des englischen Critikers, der die Poeten mit menschlichen Sänger-Stimmen vergleicht, wo Einigen nur wenig gute Töne zu Gebote ständen, während Andere den höchsten Umfang von Tiefe und Höhe in vollkommener Gewalt hätten. Dieser letzteren Art ist Walter Scott. In dem Fair Maid of Perth werden Sie nicht eine einzige schwache Stelle finden, wo es Ihnen fühlbar würde, es habe seine Kenntnis und sein Talent nicht ausgereicht. Er ist seinem Stoff nach allen Richtungen hin gewachsen. Der König, der königliche Bruder, der Kronprinz, das Haupt der Geistlichkeit, der Adel, der Magistrat, die Bürger und Handwerker, die Hochländer, sie sind alle mit gleich sicherer Hand gezeichnet und mit gleicher Wahrheit getroffen.“

Die Engländer, sagte Frau v. Goethe, lieben besonders den Character des Henri Smith, und Walter Scott scheint ihn auch zum Helden des Buchs gemacht zu haben. Mein Favorit ist er nicht; mir könnte der Prinz gefallen.

Der Prinz, sagte ich, bleibt bey aller Wildheit immer noch liebenswürdig genug, und er ist vollkommen so gut gezeichnet wie irgend ein Anderer.

„Wie er, zu Pferde sitzend, sagte Goethe, das hübsche Zittermädchen auf seinen Fuß treten läßt, um sie zu einem Kuß zu sich heranzuheben, ist ein Zug von der verwegensten englischen Art. Aber Ihr Frauen habt Unrecht, wenn ihr immer Partey macht; Ihr leset gewöhnlich ein Buch, um darin Nahrung für euer Herz zu finden, einen Helden, den ihr lieben könntet! So soll man aber eigentlich nicht lesen, und es kommt gar nicht darauf an, daß Euch dieser oder jener Character gefalle, sondern daß euch das Buch gefalle.“

Wir Frauen sind nun einmal so, lieber Vater, sagte Frau von Goethe, indem sie über den Tisch neigend ihm die Hand drückte. „Man muß Euch schon in Eurer Liebenswürdigkeit gewähren lassen, erwiederte Goethe.“

Das neueste Stück des Globe lag neben ihm, das er zur Hand nahm. Ich sprach derweile mit Frau v. Goethe über junge Engländer, deren Bekanntschaft ich im Theater gemacht.

„Was aber die Herren vom Globe für Menschen sind, begann Goethe wieder mit einigem Feuer, wie die mit jedem Tage größer, bedeutender werden und alle wie von einem Sinne durchdrungen sind, davon hat man kaum einen Begriff. In Deutschland wäre ein solches Blatt rein unmöglich. Wir sind lauter Particuliers; an Übereinstimmung ist nicht zu denken; Jeder hat die Meinungen seiner Provinz, seiner Stadt, ja seines eigenen Individuums, und wir können noch lange warten, bis wir zu einer Art von allgemeiner Durchbildung kommen.“

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