Montag, den 23. März 1829

„Ich habe unter meinen Papieren ein Blatt gefunden, sagte Goethe heute, wo ich die Baukunst eine erstarrte Musik nenne. Und wirklich, es hat etwas; die Stimmung, die von der Baukunst ausgeht, kommt dem Effekt der Musik nahe.“

„Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter.“

„Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Carlsbad gehabt, sogleich faul und unthätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner inneren Natur volle Freiheit, thätig zu seyn und aus mir selber zu schaffen.“

Wir sprachen von Schillers Briefen und dem Leben, das sie mit einander geführt, und wie sie sich täglich zu gegenseitigen Arbeiten gehetzt und getrieben. Auch an dem Faust, sagte ich, schien Schiller ein großes Interesse zu nehmen; es ist hübsch, wie er Sie treibt, und sehr liebenswürdig wie er sich durch seine Idee verleiten läßt, selber am Faust fortzuerfinden. Ich habe dabey bemerkt, daß etwas Voreilendes in seiner Natur lag.

„Sie haben Recht, sagte Goethe, er war so, wie alle Menschen, die zu sehr von der Idee ausgehen. Auch hatte er keine Ruhe und konnte nie fertig werden, wie Sie an den Briefen über den Wilhelm Meister sehen, den er bald so und bald anders haben will. Ich hatte nur immer zu thun, daß ich fest stand und seine wie meine Sachen von solchen Einflüssen frey hielt und schützte.“

Ich habe diesen Morgen, sagte ich, seine nadowessische Todtenklage gelesen und mich gefreut, wie das Gedicht so vortrefflich ist.

„Sie sehen, antwortete Goethe, wie Schiller ein großer Künstler war, und wie er auch das Objective zu fassen wußte, wenn es ihm als Überlieferung vor Augen kam. Gewiß, die nadowessische Todtenklage gehört zu seinen allerbesten Gedichten, und ich wollte nur, daß er ein Dutzend in dieser Art gemacht hätte. Aber können Sie denken, daß seine nächsten Freunde ihn dieses Gedichtes wegen tadelten, indem sie meinten, es trage nicht genug von seiner Idealität? – Ja, mein Guter, man hat von seinen Freunden zu leiden gehabt! – Tadelte doch Humboldt auch an meiner Dorothea, daß sie bey dem Überfall der Krieger zu den Waffen gegriffen und drein geschlagen habe! Und doch, ohne jenen Zug, ist ja der Character des außerordentlichen Mädchens, wie sie zu dieser Zeit und zu diesen Zuständen recht war, sogleich vernichtet, und sie sinkt in die Reihe des Gewöhnlichen herab. – Aber Sie werden bey weiterem Leben immer mehr finden, wie wenige Menschen fähig sind, sich auf den Fuß dessen zu setzen, was seyn muß, und daß vielmehr Alle nur immer das loben und das hervorgebracht wissen wollen, was ihnen selber gemäß ist. Und das waren die Ersten und Besten, und Sie mögen nun denken, wie es um die Meinungen der Masse aussah, und wie man eigentlich immer allein stand.“ –

„Hätte ich in der bildenden Kunst und in den Naturstudien kein Fundament gehabt, so hätte ich mich in der schlechten Zeit und deren täglichen Einwirkungen auch schwerlich oben gehalten; aber das hat mich geschützt, sowie ich auch Schillern von dieser Seite zu Hülfe kam.“

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